„Es ist ein Glück zu leben und helfen zu können.“
Wie ein 36-jähriger nach schwerem Schicksalsschlag dennoch kranken Kindern hilft
Ein schwerer Unfall vor einem Jahr veränderte an einem Tag das Leben des 36-jährigen Programmierers Sascha Stoltze. Seitdem sitzt der junge Mann querschnittsgelähmt im Rollstuhl. Dennoch hat er sich nicht aufgegeben und will jetzt kranken Kindern helfen.
Von Gudrun Müller
„Glücklich? Ja, eigentlich bin ich es. Denn es ist ein Glück noch zu leben. Ich spüre die Wärme der Sonne. Ich kann mit meiner Frau ein Essen genießen“, meint Sascha Stoltze.
Vor einem Jahr hätte der 36-Jährige dieses Leben beinah aufgegeben. „Wenn ich aus dem 6. Stock...“, - er will den Satz nicht beenden. Denn dieses Leben erschien ihm damals nicht mehr lebenswert. Wieso auch, dachte er, querschnittsgelähmt, sein Körper ist ab der Hüfte nicht mehr spürbar. Der Tag, an dem der Unfall passierte, ist aus seinem Gedächtnis völlig ausradiert. Von seiner Frau und Freunden erfuhr er, dass er am 5.Juni 2007 auf der Augustusburger Straße mit seinem Motorrad unterwegs war. Ein entgegenkommender Auto-Fahrer, der auf einen Parkplatz abbiegen wollte, habe ihm die Vorfahrt genommen. „Der Mann hat sich nie bei mir gemeldet, hat sich nie entschuldigt, er hat eine Geldstrafe von 2800 Euro gekriegt – das tut einfach nur weh“, sagt Sascha Stoltze leise.
Als er nach Wochen wieder zu sich kam, konnte er seinen Fuß nicht mehr anziehen – da brauchten ihm seine Frau Kathrin und seine Mutter gar nichts mehr zu erklären.
„Ich habe immer wieder geheult, war verzweifelt. Nach 4 Monaten Krankenhaus und Reha hatte ich die Nase voll, ich wollte nur noch nach Hause“, sagt er. Als er daheim ankam, war er hilf- und kraftlos. Wie ein Fragezeichen hing er im Rollstuhl. „Meine Frau, die selbst Krankenschwester ist und sich die ganze Zeit um alles gekümmert und nur noch funktioniert hat, ist da zusammengebrochen“, erzählt er.
„Deshalb dachte ich: ,Scheiße, so geht es nicht weiter!' und ich habe angefangen zu kämpfen.“ Jeden Tag etwas mehr: er hat den Oberkörper eisern trainiert, hat abgenommen, lernte mit dem Rollstuhl Hindernisse zu überwinden, wurde mit dem Rolli immer ein Stückchen beweglicher, lernte neu das Auto fahren.
Heute hat er an den Armen Muskelpakete wie der Gold-Schwimmer Michael Phelps, und er strahlt ansteckenden Optimismus aus. Aber aus dem Rolli aufstehen? „Nee, das kann ich mir für immer abschminken. Normal ist mein Leben nicht, und wird es nie sein.“, sagt er.
Wenigstens ein Stück Normalität ist es für ihn aber, wieder arbeiten zu können. Als Diplom-Programmierer löst er Aufgaben vom heimischen Schreibtisch aus für eine Adelsberger Softwarefirma. Auch sonst sitzt er oft am Computer. Er betreibt ein Internetportal und verkauft dafür so genannte Hyperlinks – elektronische Verweise, die zu einem anderen Dokument oder einer anderen Internetseite führen. Den Obolus, den er für die Dienstleistungen kassiert, würde Sascha Stoltze psychisch kranken Kindern spenden – auf seiner Internetseite bedankt sich bereits der Förderverein der Klinik für die ersten eingegangenen Spenden. „Jeder Betrag ist auf dieser Seite nachweisbar“, sagt er.
„Weil meine Mutter als Lehrerin in der Klinik an der Dresdner Straße arbeitet, kenne ich das Schicksal der Kinder. Ihre Handicaps sieht man nicht so, als wenn einer im Rollstuhl sitzt. Sie sollen mal bei einem Ausflug ein Eis essen können, ohne dass dafür vorher von den Eltern Geld eingesammelt werden muss.“, begründet der junge Mann. Er hat aber noch ein anderes Motiv für seine Hilfe: „In den schlimmsten Wochen meines Lebens habe ich auch von vielen netten Menschen spontan und uneigennützig Hilfe erfahren, das will ich auf irgendeine Weise zurückgeben.“
Eine Mühlauer Baufirma beispielsweise habe für ihn schnell und ohne auf das Geld zu achten, notwendige Umbauten im Haus vorgenommen. Auch viele Freunde und Arbeitskollegen hätten ihm immer wieder geholfen und mit zugepackt. Seine Versicherung habe Geld vorgeschossen obwohl das Urteil zum Unfall noch gar nicht feststand. Und von der Reha-aktiv habe er einen Rollstuhl ohne Zusage von der Krankenkasse bekommen. Denn seine Kasse habe ihm zuerst den Rollstuhl abgelehnt, mit der Begründung, dass ein Querschnittgelähmter eh keinen Rollstuhl mehr brauche. „Wenn es mir möglich gewesen wäre, hätte ich denen die Bude eingerannt!“, sagt er. Aber er hat sich von diesem Ärger nicht kaputt machen lassen.
Jetzt ist es für ihn wie ein kleiner Sieg, wenn wieder jemand einen Hyperlink erworben hat und er dafür 8 oder 20 Euro einnehmen konnte. Dreimal 50 Euro habe er der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters schon überweisen können. „Dabei merke ich einfach, dass ich noch etwas bewege und helfen kann“, sagt der junge Mann im Rollstuhl.
Artikel in der `Freie Presse´ Tageszeitung - Anklicken zum Vergrössern
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